Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 22.01.2000

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"

Ernst Busch wurde vor 100 Jahren geboren

Berlin (dpa/MOZ/lp) wer seine Lieder "Wenn die Igel in der Abendstunde" oder "Sehnsucht nach der Sehnsucht" kennt, weiß wie verführerisch seine Stimme sein konnte. Und Brecht gab ihm große Rollen, mit denen er Theatergeschichte schrieb. Von sich selbst hatte der Berliner Sänger und Schauspieler Ernst Busch ganz unprätentiös gesagt: "lch gehe mit dem Jahrhundert." An diesem Sonnabend wäre der 1980 gestorbene "Barrikaden-Tauber" 100 Jahre alt geworden. Er sang als kommunistischer Agitator gegen die Weimarer Republik, in den Schützengräben der "Internationalen Brigaden" in Spanien, beim Moskauer Komintern-Sender. Für den Komponisten Hanns Eisler, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, verkörperte Busch das "singende Herz der Arbeiterklasse". Eisler schrieb ihm viele Lieder.

Buschs frisch und fröhlich angestirnmtes Lied "Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut" war auch Wegbegleiter der DDR-Aufbau-Generation. Der Sänger wurde bewundert und gehasst. Seine Lieder, häufig vorgetragen mit kämpferisch-metallischer Stimme, machten ihn zum singenden Chronisten des 20. Jahrhunderts. "Er sang, als sei er für die Geschichte auf unserem Planeten verantwortlich", meinte Regisseur Konrad Wolf. Er setzte dem streitbaren Kommunisten Anfang der 80er Jahre mit seinem mehrteiligen Dokumentarfilm "Busch singt" ein Denkmal. "Busch lebt weiter", meint heute Musikverleger Karl Heinz Ocasek.

Zum 100. Geburtstag kamen bei "BARBArossa" allein fünf CDs heraus, darunter Spanien- und Aufbaulieder, Tucholsky-Vertonungen und Theater-Songs. Buschs "Lied von der Einheitsfront" oder "Spaniens Himmel" ertönten zu DDR-Zeiten bei jeder Maidemonstration.


Ernst Busch überzeugte mit seiner Wahrhaftigkeit


Eine nach Buschs Tod 1980 in seinem Wohnhaus in Berlin-Pankow eingerichtete Gedenkstätte wurde Anfang der 90er Jahre aufgelöst. In der Ostberliner Theater-Hochschule ist man dagegen stolz, den Namen des Volksschauspielers und Volkssängers weiter zu tragen. Busch gehörte zu den wenigen Künstlern des 20. Jahrhunderts, die Arbeiter und Intellektuelle gleichermaßen begeistern konnten. Seit den 20er Jahren war sein Leben eng mit Berlin verbunden. Der gelernte Maschinenschlosser wurde in Kiel geboren. Erwin Piscator entdeckte das Talent - Busch spielte auch Kabarett - 1927 für die Freie Volksbühne. Nach dem Krieg räumten auch westdeutsche Kritiker wie Friedrich Luft ein, Busch "hörig" zu sein: Wegen der "Töne und der Wahrhaftigkeit".

1933 gleich nach dem Machtantritt Hitlers verließ Busch Deutschland. Bis dahin hatte er bereits in 30 Bühnenrollen und 15 Filmen gespielt. 1937 stand er in Spanien auf den Barrikaden. 1943/44 wurde ihm in Berlin em Prozess wegen Hochverrats gemacht. "Hat durch Gesangsvorträge den Kommunismus in Europa verbreitet", lautete die Anklage der Nazis. Die Anwälte, die ihm sein Jugendfreund, der Schauspieler Gustaf Gründgens stellte, konnten das Schlimmste verhindern. Es blieb bei mehreren Jahren Zuchthaus. Nach Kriegsende gehörte Busch dann zu denen, die sich bei den Russen für Gründgens einsetzten.

Seine zweite Theaterkarriere war eng mit dem Brecht-Theater verbunden. Im neugegründeten Berliner Ensemble stand er in "Mutter Courage und ihre Kinder" und in der Titelrolle von "Leben des Galilei" auf der Bühne. Als Mephisto spielte er in Goethes "Faust" im Deutschen Theater. Mit den "eisernen Genossen", wie er seine Widersacher in der SED titulierte, lag er bald über Kreuz. 1952 zerriss er bei einer Parteikontrolle sein SED-Mitgliedsbuch. Ein gegen ihn erhobener Vorwurf lautete: "Überheblichkeit und starkes Geltungsbedürfnis".

Bei einer Aufführung von Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" im Deutschen Theater schleuderte er SED-Chef Walter Ulbricht und dem halben Politbüro entgegen: "Ihr könnt nicht bis vier zählen, aber fresst acht Gänge." Folgen hatte das kaum. Der Antifaschist, linientreu und aufsässig zugleich, war schon zu Lebzeiten Legende.


Dem 100. Geburtstag von Ernst Busch sind am Samstag u.a. folgende Veranstaltungen gewidmet: Radio Kultur bringt um 9 Uhr das Feature "Der rote Orpheus". Auf dem Friedhof in der Leonhard-Frank-Straße in Berlin-Pankow findet um 11 Uhr eine Ehrung statt. Die Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin-Tiergarten, erinnert um 20 Uhr unter dem Motto "Laß deine Gedanken nicht müde werden" an Busch.
Am Montag bringt der ORB um 22.50 Uhr den fünften und sechsten Teil des von Konrad Wolf 1981 gedrehten Dokfilms "Busch singt".