Ein 200 Meter langer Tunnel in die VergangenheitWieder Führungen durch die ehemalige Bunkeranlage der NVA in GarzauVonDETLEF KLEMENTZGarzau (MOZ) 15 Meter unter der Erde ist die Zeit stehen geblieben. Hier im ehemaligen Rechenzentrum der NVA, genauer gesagt im Allerheiligsten, dem Bunker. Ein 200 Meter langer Tunnel führt in diese Vergangenheit. Willy Jennen ist seit Jahresbeginn der Herr der Schlüssel. Er muss schon etwas Kraft aufwenden, um die vier dicken Panzertüren zu öffnen, die an ein U-Boot erinnern. "Die ersten beiden Türen sollten im Falle eines Atomschlags vor der Druck- und Hitzewelle schützen", erläutert Jennen. "Die folgenden zwei vor Radioaktivität und chemischen Kampfstoffen." Geschützt werden sollte die Schaltzentrale des Rechenzentrums. Hier liefen alle Datenstränge zusammen. Jede Nacht seien von jedem Militärstandort in der DDR detaillierte Informationen über Einsatzstärke, Ausrüstung sowie andere logistische Fakten hierher übermittelt worden, berichtet Willy Jennen. "Allmorgendlich erhielt dann der Verteidigungsminister seinen Bericht." Das bedeutete höchste Sicherheitsstufe. Nur 50 der 200 auf dem Gelände tätigen Armeeangehörigen hatten Zugang, jede Türbewegung wurde rund um die Uhr registriert. Im März 1972 war mit dem Bau der insgesamt 70 Räume auf zwei Etagen begonnen worden, im November 1975 war der unter einer 14 Meter starken Betonschicht liegende Bunker fertig. An alles war gedacht worden. Vier Schiffsdieselmotoren mit je 400 kW Leistung sorgten für die nötige Energie, es gab zwei eigene kleine Wasserwerke einschließlich Tiefbrunnen, gewaltige Filteranlagen gegen jede Art von Kampfstoffen, Klima- und Belüftungsanlagen, Werkstätten und jede Menge Kontroll- und Uberwachungsmechanismen. In der Mitte lagen jene vier Räume, in denen die Computertechnik stand - auf federnd gelagerten Fußböden. Alles war so eingerichtet, dass knapp 130 Menschen mit atomsicherer Versorgung zwei Wochen lang hätten ausharren können. Noch heute seien die meisten Einrichtungen funktionstüchtig, erklärt Willy Jennen. Der Endvierziger hat Ende vergangenen Jahres die Bunkerfläche vom Bundesvermögensamt gepachtet. Wie schon die BVE (Betrieb Verwaltungs- und Entwicklungs GmbH), deren Mietvertrag ein Jahr zuvor ausgelaufen war, will auch er künftig Führungen durch das einstige Geheimobjekt organisieren. Rund 90 Minuten soll die Reise in die Vergangenheit dauern, für die Interessierte 18 Mark zahlen müssen. "Die ersten Besucher hatten damit kein Problem", sagt Jennen und ergänzt: "Geld verdienen kann ich damit vorerst aber nicht." Zuerst müsse investiert werden. Schließlich will der Bunkerführer, der ohne Nostalgiegeschwelge die Fakten und manch zusätzliche Information vermittelt, noch jede Menge Material zusammentragen. Die ersten Aufsteller mit Bildern und Berichten über andere Bunkeranlagen sind bereits platziert. "Eine ziemliche Plackerei", so Jennen. "Alles muss durch den langen Tunnel geschleppt werden." Ein Raum soll der DDR-Rechentechnik vorbehalten bleiben, ein anderer NVA-Ausrüstungsgegenständen. "Das erfordert Arbeit, Zeit und Geld." Die nächsten Bunker-Führungen finden am 27. Februar statt. Informationen unter Telefon: (030) 445 90 67 oder (0172) 307 09 00. Fotos: |