Verstärkung für die "Quatschbude"Neben der ländlichen Begegnungsstätte in Ihlow soll in Reichenberg ein Europäischer Hof entstehenVonDETLEF KLEMENTZIhlow/Reichenberg (MOZ) Parallel zur ländlichen Bildungsstätte in Ihlow soll im benachbarten Reichenberg ein Europäischer Hof entstehen. Prof. Anne Wolf, Vorsitzende des Ihlower Fördervereins und theoretischer Kopf des Bildungsstätten-Projektes, hat dazu einen alten Bauernhof gekauft.
"Ruhig unterbrechen und nachfragen, sonst redet sie unentwegt - und reden kann sie." Erhard Grundmann, Bürgermeister von Reichenberg sowie Geschäftsführer des dortigen und Vorsitzender des Ihlower Fördervereins, weiß, wovon er spricht. Schließlich arbeitet er seit gut fünf Jahren eng mit "Frau Professor Wolf" zusammen. "Anfangs haben wir uns nur in den Haaren gelegen", sagt Grundmann. Die Wissenschaftlerin, die an der Uni Paderborn lehrt, nickt. Und auch heute sei # man keinesfalls immer gleich einer Meinung. Der Landschaftsgestalter und die Landschaftsarchitektin stemmen sich dem Niedergang in den beiden Gemeinden entgegen - er mehr von der praktischen Seite, sie bringt die Theorie ein. Und weil sie es ernst meint, hat die agile Frau ihren Hauptwohnsitz hierher verlegt. Erst jüngst waren Studenten aus Polen daIm Ihlower Schloss nimmt derweil die ländliche Bildungsstätte allmählich Gestalt an. Bislang finden sich hier noch vorrangig Studenten ein, erst jüngst aus dem polnischen Krakow. In knapp drei Jahren soll die "Quatschbude" (Prof. Wolf) dann richtig laufen, mit regelmäßigen Seminaren für Lehrer, Geschäftsleute, Studenten, andere Interessierte und natürlich auch für Ortsansässige. "Wir hier unten legen unsere Probleme auf den Tisch und hören uns dann Lösungsvorschläge von oben an", vereinfacht der Bürgermeister die Grundidee. "Im Gespräch wird dann entschieden, was für uns gut ist." Reichenbergs Bürgermeister räumt ein, dass dies recht ungewöhnlich klingt. "Aber das Ungewöhnliche soll das Normale werden." Dazu gehöre in der Zukunft eben auch eine Aufsplitterung der Arbeit. Ein Kraftfahrer könnte so mit seinem Gemüsegarten oder frischen Eiern zusätzlich Gewinn machen. Seine Ehefrau verbringe einige Stunden für einen Teilzeitjob am Computer, kümmere sich aber zudem um die Vermietung der Fremdenzimnmer. In anderen Ländern sei dies längst gängige Praxis, so Grundmann und Wolf. Das für die ländliche Bildungsstätte erforderliche Geld soll schon bald der Europäische Hof Reichenberg einfahren. Prof. Anne Wolf ist ganz ehrlich: "Ich bin Beamtin auf Lebenszeit, mit einem sehr guten Festeinkommen." Ansonsten hätte sie den Bauernhof, der seit der Wende unbewirtschaftet war, nicht gekauft. Allen ist klar, dass zuerst einmal richtig Geld in das Projekt fließen wird, darunter, so hofft man, auch Fördermittel. Geplant sind unter anderem eine Baumschule, eine Gärtnerei für Gemüse mit Direktvermarktung und ein "Akademischer Reiterhof". Bei Letzterem ist Prof. Wolf in ihrem Element. "Ich kenne die Leute, die so etwas suchen, und Ich hole sie her", sagt sie. Die Pferdekennerin spricht von Zimmern im Dachgeschoss, guter Pferdehaltung und weitläufigen Reitmöglichkeiten. Dass es da noch ziemliche Vorbehalte im Dorf gibt, dass sie noch immer nicht richtig angenommen ist, weiß die Akademikerin. "Das braucht Zeit, da wird uns auch die praktische Arbeit helfen." Für den Sommer ist ein Jugendcamp geplantMehr Nähe zur Dorfbevölkerung wünschen sich auch die Studenten. "Wir können hier nicht an den Leuten vorbeiplanen", sagt Jan Christoph Zastrow. Dem 29-Jährigen fehlt vor allem der Kontakt zur Jugend hier. Sein Paderborner Kommilitone Claus Sänge sieht das ähnlich. Im Sommer wollen sie daher ein Jugendcamp organisieren, offen für alle Interessierte. Der künftige Landschaftsarchitekt und Umweltplaner Sänge hat gerade ein sechsmonatiges Praktikum in Ihlow begonnen. "Entwicklung findet nicht auf der Uni statt, sondern hier." Foto: Schauen sich auf dem zukünftigen Europäischen Hof in Reichenberg um: Prof. Anne Wolf, Bürgermeister Erhard Grundmann sowie die Studenten Jan Christoph Zastrow und Claus Sänge (v.l.) MOZ-Foto: Detlef Klementz |