Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 28.06.2000

Buckow

Litauens Nähe zur Mark ist geistig-politisch

Von
THOMAS BERGER

Buckow. Wie soll man ihn ansprechen - als aktiven Musiker, Musikwissenschaftler oder Mann des politischen Zeitgeschehens? Die Frage umschiffte Bernd Wittchow beim Ehrengast des Buckower Kunstvereins, Litauens Parlamentspräsident Vytautas Landsbergis, gekonnt. Der Pfarrer und ehemalige Bürgermeister schlug mit mehreren Zitaten einen Bogen zwischen Musik und Politik, zwischen Kunst und menschlichem Zusammenleben. "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder" oder auch der Bibelspruch "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" seien Beispiele dafür, dass Kunst und Kultur im Miteinander der Menschen eine große Bedeutung zukomme.

Dem mochte auch Landsbergis nicht widersprechen, der zuvor aktiv am Konzert von "Klassik im Grünen" mitgewirkt hatte. Auch er versuchte sich in der Fortführung des Bogenschlages, griff Wittchows Vorgabe von der "singenden Revolution" in Litauen gegenüber der DDR-"Revolution der Kerzen" auf. Von der geistigen Befreiung sprach er, die dieser Aufbruch und die folgende Unabhängigkeit gebracht hätten, von der spürbaren Freiheit, die gerade auch ein Erfolg für Künstler und Intellektuelle war.

Wie schon Jochen Bethgenhagen vom Europaministerium, der den herzlichen Gruß Manfred Stolpes überbracht und auf die guten brandenburgisch-baltischen Beziehungen verwiesen hatte, zog auch Landsbergis im Gespräch mit Moderatorin Hannelore Gerlach und dem Publikum die Verbindungslinie zwischen Litauen und der Mark. "Unsere Nähe ist nicht nur geografisch, sondern auch geistigpolitisch", unterstrich Landsbergis und untermalte dies mit einem Ausflug in die Geschichte. Als im 16. Jahrhundert Albrecht auf dem Preußenthron saß, regierte er von Königsberg aus, wo auch die litauische Kultur eine Blütezeit erlebte. Viele Intellektuelle hätten in der Stadt gewirkt, wo auch die ersten litauischen Bücher erschienen und wo von zwei Litauern die Universität, das Albertinum, gegründet wurde.

Wenig später sah auch Vilnius mit der katholischen Jesuitenuniversität die erste Hochschulgründung im Land. Verständlich, da für die Zuhörer ein echtes Bedauern in Landsbergis' Stimme mitschwang, als er sagte: "Schade, dass die preußische Hauptstadt von Königsberg nach Berlin verlegt wurde."

Musik sei ein Instrument gegen die Ich-Bezogenheit, "Musik, das ist Liebe - und jeder Mensch braucht möglichst viel Liebe", so Landsbergis weiter. Viele Volkslieder gebe es in Litauen, erklärte er auf Nachfrage, nach wie vor lebe dieses Genre und vergrößere sich. Die Sammler seien immer wieder erstaunt, welch einen Fundus traditioneller Lieder alte Menschen parat hätten. Auch um die aktuelle Politik konnte sich der "Vater der litauischen Unabhängigkeit", wie er zuweilen genannt wird, nicht drücken. Der Weg zum EU-Beitritt, die Orientierung zwischen Ost und West interessierten das Publikum.