Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 11.07.2000

Klezmer, Lyrik und
Prosa in Buckow

Literaturfest im Brecht-Weigel-Haus

Von
JENS SELL

Strausberg (MOZ) Das Literaturfest ist zum Höhepunkt des Buckower Literatursommers geraten. Im Garten des Brecht-Weigel-Hauses hörten mehr als 100 Besucher Lesungen von vier Schriftstellern und Klezmer von "Grinsteins Mischpoche".

Eine "helle Aprilgeschichte, die man auch im Juli lesen kann", kündigte Klaus Schlesinger ("Berliner Traum", "Von der Schwierigkeit, ein Westler zu werden") zu Beginn seiner Lesung in Buckow an. Aus seinem jüngsten Roman "Trug" brachte er eine Episode, die das Thema aus seinem Berliner Traum variiert: wieder in der Mauerstadt, aber diesmal ein westdeutscher Immobilienspekulant, der sich wegen einer Betriebsstörung der Bahn unverhofft im Osten wiederfindet. Im Espresso Unter den Linden - "Wir nannten es auch Caf&eecute; Kaputt" - trifft er auf sein jüngeres Spiegelbild - einen Architekten, der nicht wie der Held nach dem Westen ging, sondern in den 70ern die Chance bekam, eine Stadt zu bauen. In seinen Plan griff der Staatsratsvorsitzende ein, und als er ihn mit einer List wiederherstellen wollte, brach seine Karriere ab. Es ist Schlesingers Thema: die Unterschiede im Selbstverständnis von DDR- und BRD-Bürgern. Skolut, der aus Ostberlin, versteht nicht, wie sich jemand darüber erregen kann, dass er zu kalten Eiersalat serviert bekommt, und sagt über sich einen Satz wie: "Ich wollte nie hochkommen, ich wollte eine Arbeit machen, die nicht nur mir, sondern auch den anderen nützt." Und Strehlow, der in Westberlin den Deal seines Lebens machen wollte, verteidigt wütend den spekulativen Gelderwerb gegen die Verachtung.

Schlesinger rief in Buckow viel Zustimmung und Beifall hervor. War doch sein Text für das zum großen Teil aus dem Osten Berlins stammende Publikum geradezu maßgeschneidert. Auch der Ausflug nach Brandenburg, den Kathrin Röggla bot, und Ulrich Peltzers Flug nach Bukarest aus dem Roman "Alle oder keinen" kamen gut an. Betroffen machten das Auditorium dagegen die Gedichte von Jovan Nikolic, einem - wie er sich selbst nennt "Cigan" ("Zigeuner") aus Serbien, über seine Kriegsahnungen bereits in den 8Oer Jahren.

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  • Kommt nicht los vom "Berliner Traum": Klaus Schlesinger versetzt in "Trug" einen "Westler" in den Osten Berlins.       MOZ-Foto: Jens Sell