Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 11.07.2000

Vier Farben der Literatur

Brecht-Weigel-Haus und Akademie der Künste präsentieren vier Schriftsteller in Buckow

Von
JENS SELL

Buckow (MOZ) Wenn die Bertolt-Brecht-Straße zugeparkt ist, wenn kleine und große Gruppen in Richtung Brecht-Weigel-Haus strömen, dann ist Literaturfest in Buckow. Am Sonntag genossen die zum großen Teil auch aus Berlin angereisten Kunstfreunde Lesungen von vier sehr unterschiedlichen Schriftstellern und Musik von Bläserband "Grinsteins Mischpoche".

"Ich unterscheide nicht mehr, ob ich lebe oder nur träume, dass ich lebe" - Der von tiefen Selbstzweifeln zerrissene serbische Zigeunermensch Jovan Nikolic ergriff die Herzen der mehr als hundert Besucher des Literaturfestes mit seinen von der Kriegsahnung geprägten Gedichten. Bildhaft und poetisch ließ er vor den Zuhörern die Mühsal und Unbekümmertheit des Zigeunerlebens auf dem Balkan entstehen. Nikolic las in seiner Muttersprache Serbisch, Dr. Hartmut Topf las seine Übersetzungen. Der Dichter lebt heute als Flüchtling in Deutschland. Zuvor war der aus Belgrad geflüchtete Mann drei Monate Stipendiat der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, die das Literaturfest traditionell gemeinsam mit dem Brecht-Weigel-Haus veranstaltet, bevor er in die Heimat zurückkehrte. Das reflektiert er in einigen am Sonntag gelesenen Gedichten, so in "Rückkehr: Im Haus ist weder Hoffnung noch Licht. Staubüberzogene Zeitungen trägen das Datum meiner Abreise, als die Zeit im Haus stillstand und begann, rückwärts zu gehen."

Eine ganz andere literarische Farbe die Prosa von Kathrin Röggla mit dem am Sonntag sehr passenden Titel "Irres Wetter", denn nach zwei Dritteln ihres Vortrages kam ein kurzer Schauer. Röggla berichtet von einem Ausflug ins südliche Brandenburg, wo sich stadtflüchtige Künstler niedergelassen haben. Da konnte man schon einmal lachen, wie sie die Märker beschreibt und die Mystifizierung des Russenlagers im Wald bei Jüterbog.

Auf Reisen ging auch Ulrich Peltzer, als er einen Flug zum Kongress für Forensische Psychologie in Bukarest des Jahres 1994 beschrieb. Seine atmosphärisch dichte Schilderung, "die Stimmung auf dem Bukarester Flughafen wie kurz vor oder kurz nach einem Putsch", das verrottete Gebäude im dauerhaften Zustand der Auflösung zwischen Richttest und endgültigem Abbruch, wenn sich keiner entscheiden kann, wie es zu Ende gebaut werde. Peltzer las nach einer längeren Erfrischungspause, in der Brecht mit seinem "Zuerst kommt das Fressen" über seine kunstsinnigen Gäste triumphierte, denn schon lange hatte der Holzkohlengrill die Nasen gekitzelt.

Der literarische Leckerbissen kam denn auch zum Schluss - ohne dass es eine Wertung sein soll - mit Klaus Schlesinger, jüngst Akademiemitglied geworden, und einem kurzweiligen Auszug aus seinem Roman-Neuling "Trug". Seine Schwärmerei vom Esterhazy-Keller, in den man nur mit guter Beziehung zur Traudel Einlass fand, erntete beifälliges Schmunzeln manchen Kenners. Die Zeiten sind vorbei, was mancher zu bedauern schien.

Fotos:

  • Kathrin Röggla liest aus "lrres Wetter", die Gäste haben schon mal den Schirm aufgespannt. Unter ihnen auch Ines Wiesen, die neue Geschäftsführerin der Kultur GmbH, die Träger des Brecht-Weigel-Hauses ist. Dessen Mitarbeiter haben gemeinsam mit der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg das Literaturfest im Rahmen des 3. Buckower Literatursommers veranstaltet.       MOZ-Fotos (2): Jens Sell
  • Klezmer und "East European Spass Brass" spielt Grinsteins Mischpoche zur Einstimmung und in der Pause. "Es klingt ja wie zu Hause, wunderschön", kommentierte Jovan Nikolic.

Noch ausstehende Veranstaltungen

  • 16. Juli, 16 Uhr
    "Die Mutter": Zur Aufführung 1951 im Berliner Ensemble mit Helmut Heinrich
  • 23. Juli, 16 Uhr
    "... denn für das Leben lernen wir ..." oder "Null Bock!!!!!!"? Diskussion mit Gerlinde Kempendorf, Klavier: Kim Eustic
  • 30. Juli, 16 Uhr
    Helmut Baierl über seine Zeit am Berliner Ensembleunter Helene Weigel, Lesung aus einem neuen Buch "Weißt was? Schreibst mir a Rollen!"
  • 26. August, 16 Uhr
    "I'm a stranger here myself", Kurt Weill vom Ku'damm zum Broadway, Gesang Moderation: Katja Beer, Klavier: Cordula Hacke
    Informationen unter Telefon: (033433) 467