Quelle: Märkischer Markt, Strausberger Ausgabe vom 30.06.1999

Ein Meister der Bühne und der spitzen Feder: E.Esche

Von
OLGA RUDLOFF

Buckow. Es gibt Leute, da platzen Räume aus allen Nähten, so sehr drängt sich das Publikum, um sie zu erleben. Eberhard Esche hat solche Zugkraft. Selbst Käthe Reichel war unter den erwartungsvollen Zuhörern, die beim Besuch des Schauspielers im Brecht-Weigel-Haus voll auf ihre Kosten kamen. Esche las nicht nur, er spielte die Texte, was desto eindrucksvoller war, weil es sich um seine eigenen handelt. Da sage noch einer, Schauspieler könnten nicht schreiben sondern nur das Geschriebene anderer Leute spielen! Esche jedenfalls ist auch als Autor ein Meister der spitzen Feder, läßt keine Sekunde Langeweile aufkommen, sorgt für Zwerchfellkitzel und Spannung.

Natürlich hat er auch viel zu erzählen als einer, der seit über 40 Jahren auf den Brettern steht, die ja bekanntlich die Welt bedeuten. Erst in Meiningen, dann in Erfurt und Karl-Marx-Stadt. Später, und seither, nach einem halbjährigen Intermezzo beim BE mittlerweile als Altstar beim Deutschen Theater. Seit 1961 wohlgemerkt. Daneben Filmheld, sei es nun "Spur der Steine" oder "Der geteilte Himmel".

Er fesselt sein Publikum, wenn er von den unzähligen Erlebnissen berichtet, die in all den Jahren anfallen. Das heißt, er berichtet nicht, er läßt die Zuhörer eintauchen, als wären sie selbst dabeigewesen, wie er sich mit Regisseuren, Intendanten und Schauspielkollegen herumärgert. Wie er Mißgunst, aber auch Solidarität erlebt. Letztere meist dann, wenn er sie nicht erwartet.

Wohl als einziger hat er gewagt, dem Olymp aller Theaterleute, dem Festspielort Salzburg, vorzeitig den Rücken zu kehren. Selbigen läßt er sich nicht verbiegen, eher müssen dann schon Westschauspieler zuweilen über den Kollegen aus dem Osten verständnislos den Kopf schütteln.

Unbequem war er schon immer.Was ihn zu Anfang bald seine Karriere gekostet hätte. Es war in Meiningen, er ein ganz junger Schauspieler. Ebenso wie die anderen aber dagegen, Wilhelm Tell als Auftaktstück für die neuen Meiniger Festtage zu nehmen. Eine Protestresolution wurde erarbeitet, vor deren Unterschrift sich aber sogar der Verfasser drückte. Alle fanden das Papier wunderbar, doch letztlich war Esches Namenszug einer von nur zweien, die das Dokument zierten.

Geflogen ist er damals trotzdem nicht. Und er stieg auch nicht aus, als alles scheinbar schlecht lief und er zur Marine wechseln wollte. Bessere Zeiten kamen, er vergaß die Marine, sehr zum Vorteil seines Publikums. Denn ein so guter Matrose wie Schauspieler wäre er wohl kaum geworden. "Ich hatte Theater damals mehr als Kindergarten wahrgenommen denn als Spielfläche für Erwachsene", streut er ein. Und bei manchen Erlebnissen könnte fast ein solcher Eindruck entstehen. Beispielsweise, als er sich schließlich in Salzburg - sonst immer von ihr kritisiert - vor der englischen Co-Regisseurin in den Sand fallen läßt. "Great, great!", bricht die in helles Entzücken aus. Er weniger, der er im Dreck liegt.

Muskelkater mochte sich bei dem einen oder anderen eingestellt haben. Lachmuskelkater. So auch, als Esche die Geschichte vom überwässerten Bäumchen und dem Gespräch mit seinem Gartennachbarn zum besten gab. Blickkontakt, gegenseitiges Erkunden durch Auge und vorsichtige erste Sätze. Dann losplätschern im Redefluß, wenn es ungefährlich scheint. Denn der vermeintliche Mitarbeiter des berühmten Esche scheint vertrauensvoll. Zum Schluß dann (auch des vergnüglichen Nachmittags), und dem Wechsel vom Du zurück zum Sie: "Sind Sie nicht doch der Vater vom Esche?"