Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 10.06.1999

Persönliche Erinnerungen eines 90jährigen an Brecht


Gereimtes und Ungereimtes, Selbstgeschaffenes und Interpretiertes / Literatursommer 1999 im Brecht-Weigel-Haus

Von THOMAS BERGER

Buckow. Nach dem Erfolg im vergangenen Jahr soll der 2. Buckower Literatursommer noch mehr Publikum anziehen. Margret Brademann, Leiterin des Brecht-Weigel-Hauses und ihre Mitstreiter haben ein Programm zusammengestellt, das nur aus Höhepunkten besteht. Dabei gibt es zum einen gewohnte und ungewohnte Sichten auf Brecht, zum anderen eigene Werke der oft namhaften Sänger, Schauspieler und Multitalente zuerleben.

Der Auftakt trägt den Titel "Ruth Berlau und Bertolt Brecht oder Liebe als Produktion" und stellt einen besonderen Leckerbissen für alle Brecht-Freunde dar. Susanne Bentzien, bekannt aus der TV-Serie "Stadtklinik", wird in ihrer Lesung am Samstag, 17 Uhr, gemeinsam mit Katja Amberger eine der vielen Frauen um Brecht herum vorstellen. 1906 in Kopenhagen geboren, hatte die junge Schauspielerin Ruth Berlau den Dichter und Helene Weigel 1933 im Exil kennengelernt, folgte Brecht über Schweden, Finnland, die Sowjetunion in die USA und 1948 zurück nach Deutschland. Auch dort blieb sie ihm eng verbunden, wobei ihr das Berliner Ensemble nach Brechts Tod kündigte. Briefe, Zitate und Auszüge aus einem Interview nehmen die beiden Lesenden zur Hilfe, eine außergewöhnliche Frau ins Blickfeld zu rücken.


13 Veranstaltungen, 13 Höhepunkte


Fünf Wochenenden Gereimtes und Ungereimtes, Rezitiertes und Gesungenes, Selbstgeschaffenes und Interpretiertes. Herausfinden, was der absolute Höhepunkt der 13 Veranstaltungstage ist, kann nur das Publikum. Dennoch sticht der 26. Juni besonders hervor. Kurt Schwaen, einer der bekanntesten DDR-Komponisten, wird über seine Beziehung zu Brecht berichten. Der fast 90jährige (am 21.Juni hat er Geburtstag) arbeitete am Berliner Ensemble in den 50er Jahren eng mit dem Dichter zusammen. Ausschnitte des von Schwaen auf Wunsch Brechts vertonten Lehrstücks "Die Horatier und die Kuriatier" sowie von Emil Stumpp 1925 gezeichnete Porträts Brechts aus der Sammlung des Komponisten werden zu einer Atmosphäre des ganz persönlichen Erinnerns an den großen Dichter und Denker beitragen.



"Wenn du stolperst, Schwester, ich halt dich" ist die zweite Veranstaltung am Auftaktwochenende überschrieben. Gina Pietsch, die von Dietmar Ungerank auf der Gitarrebegleitet wird, bringt am Sonntag, 17 Uhr, Lieder, Szenen und Plaudereien aus fünf Jahrhunderten und ebensovielen Ländern zu Gehör.

Am 19.Juni geht es mit Gedichten und Chansons des Franzosen Jacques Prevert weiter. Sie werden von der Petershagenerin Johanna Arndt (Begleitung auf Akkordeon und Bajan: Eduard Wall) vorgetragen. Am 20. Juni folgen Brecht-Texte unter dem Titel "In der Frühe sind die Tannen kupfern", eine Veranstaltung aus dem Programm des Frankfurter Kleist-Theaters.


Scarlett O' liest Deutschland-Betrachtungen


Eberhard Esche, unlängst in Neuenhagen zu Gast, wird auch in Buckow "Selbstgeschriebenes aus einer aufregenden Zeit" lesen (25. Juni). Der 27.Juni dürfte für alle Buckower von besonderer Anziehungskraft sein, stellt sich doch die in der Perle der Märkischen Schweiz aufgewachsene Scarlett O', Mitbegründerin der Folkgruppe "Wachholder", mit Deutschland-Betrachtungen von Goethe, Tucholsky, Heine, Kästner und Nietzsche einmal nicht als Sängerin, sondern als Lesende vor.

Wer kennt ihn nicht, Steffen Mensching, der als Kabarettist und Clown, als Autor und Filmschaffender schon auf vielfältigste Art in Erscheinung trat? Am 2.Juli ist der Künstler von einer ganz anderen Seite zu erleben - "Berliner Elegien und Showdown" heißt sein Vortrag eigener Texte und Gedichte, die er zum Teil erstmals öffentlich vorstellt. Einen Tag später ist Dieter Mann mit "MeinName sei Gänseklein", literarischen Parodien, zu Gast.

Zum Abschlußwochenende (9.-11.Juli) haben die Organisatoren noch einmal mehrere Höhepunkte aneinandergereibt. "Liedhaber" heißt der Chansonnachmittag mit Ko J. Kokott von "Wacholder". Und sie wäre nicht Käthe Reichel, wenn sie nicht auf aktuelle Entwicklungen reagieren würde - nicht Büchners "Hessischen Landboten", sondern "Die letzten Tage der Menschheit", eine Kriegs-Tragödie von Karl Kraus (1918), will die engagierte Friedenskämpferin darbieten.

Einmal nicht wie gewohnt mit Brecht-Programmen namhafter Interpreten, sondern mit jungen Autoren und ihren eigenen Werken klingt der Literatursommer aus. Das Literaturfest am 11.Juli wird von Jazzrhythmen umrahmt und stellt Texte von Julia Frack, Steffen Jacobs und Sibylle Lewitscharoff vor. Jeweils vor und nach den Veranstaltungen die von der MOZ präsentiert werden, gibt es im Garten Kulinarisches nach Helene-Weigel-Art.