Quelle: Märkische Oderzeitung, Strausberger Ausgabe vom 21.08.1993

"...in das größere Haus könnte man Leute einladen"

Politische Gedichte vom Schermützelsee - Vor 40 Jahren schrieb Bertolt Brecht die "Buckower Elegien"

Von unserer Mitarbeiterin ANDREA LINGNAU

Wunderschön im Grünen liegt das Städtchen Buckow mitten in der Märkischen Schweiz. Am Schermützelsee herrscht durch das kühle Wetter wenig Betrieb, im Strandbad spielen einige Kinder, und das Ausflugsboot liegt am Steg und wartet auf Gäste. Von der Hauptstraße zweigt eine kleine am Hang gelegene Einbahnstraße ab und unscheinbar an einer Mauer hängt zwischen einigen Zweigen das Schild "Brecht-Weigel-Haus 800m". An alten Villen mit großen mal wildgewachsenen, mal sehr gepflegten Gärten, die bis ans Seeufer reichen, führt der Ringweg bis zur Bertolt-Brecht-Straße, an deren Ende ein großes mit roten Backsteinen eingemauertes Grundstück liegt. Mit dem Hinweis "Bitte klingeln" am Tor findet der Besucher den Weg zu einem mit Wein bewachsenen Haus. Es ist das Sommerhaus, das Bertolt Brecht und Helene Weigel 1952 erwarben. Die "Eiserne Villa", wie das Haus seit den 20er Jahren im Volksmund wegen seiner vergitterten Fenster und Türen genannt wurde, ist das größte von mehreren Gebäuden auf dem unter alten hohen Bäumen liegenden Grundstück direkt am SchermützeIsee.

"... in das größere Haus könnte man Leute einladen", schrieb Brecht am 14. Februar 1952 in sein Arbeitsjournal, nachdem er sich zusammen mit seiner Frau Helene Weigel in Buckow umgesehen hatte. Nach der Rückkehr aus dem Exil und dem Aufbau des "Berliner Ensemble" suchte Helene Weigel schon einige Zeit in der Nähe von Berlin ein Feriendomizil. In Buckow fand sie den geeigneten Platz, an dem Brecht ungestört arbeiten und sie ihren Hobbies wie Pilze sammeln, schwimmen oder Patience legen nachgehen konnte. Das Grundstück am Schermützelsee scheint heute noch ein ideales Fleckchen für Ruhe und Entspannung zu sein, nicht nur das türkisblaue Wasser, auch der nahe Wald laden zum Erholen ein. Im Gartenhaus, das von den Erben Brechts bewohnt wird, fand der Dichter einen idealen Arbeitsplatz. Dort wollte Brecht nicht nur in Ruhe arbeiten, sondern auch Kriminalromane lesen, ohne gestört zu werden, mit der Bitte "diese Regelung nicht allzu bindend aufzufassen, denn Prinzipien halten sich am Leben durch ihre Verletzungen". Den Garten überließ Brecht seiner "Helli", die ihn mit Freude pflegte und sich so oft wie möglich auch über Brechts Tod hinaus in Buckow aufhielt. Die begeisterte Köchin bewirtete Freunde und Mitarbeiter und kümmerte sich auch um Übernachtungsmöglichkeiten für sie. Zwei Gästezimmer standen dafür in der oberen Etage des Hauses zur Verfügung, die aus baulichen Gründen zur Zeit für die Besucher unzugänglich sind. Margrit Brademann, Historikerin und neue Leiterin des Museums, bedauert das sehr. "lch möchte die obere Etage des Hauses gerne wieder in die Ausstellung mit einbeziehen", sagt die Historikerin "um für die Erweiterung der Ausstellung mehr Platz zu haben." Dafür seien zum einen Denkmalschutzgutachten notwendig und zum anderen die Zusammenarbeit mit dem Brechtzentrum in Berlin, um persönliche Gegenstände oder Möbel der Familie Brecht-Weigel zurückzuholen.


Begegnungsstätte für unterschiedliche literarische Veranstaltungen



Als das Museum 1977 geöffnet wurde, nachdem die Brecht-Erben das Haus zwei Jahre zuvor an den Staat verkauft hatten, seien die privaten Möbel Helene Weigels, die bis zu ihrem Tod 1971 regelmäßig in Buckow war, sowie Zinn- und Kupfergegenstände aus dem Haus geräumt worden. "Ich weiß nicht, wo diese Dinge gelandet sind", bedauert Margrit Brademann, "aber ich hoffe, Einzelteile wieder zu finden und diese nüchterne Ausstellung etwas persönlicher zu gestalten." Zur Zeit fällt es schwer, sich in der großen kahlen Wohnhalle mit dem vergitterten Fenster, in der ein großer schwerer Holztisch mit einigen Stühlen steht, lebhafte Gespräche und Diskussionen, Arbeitssitzungen Brechts mit seinen Schülern oder Treffen mit Freunden vorzustellen. Durch die hohen weißen Wände und die nur spärliche Ausstattung des Raumes wirkt das Zimmer steril, der Garten regelrecht aus dem Raum ausgeschlossen. "Früher", sagt die Museumsleiterin, "konnte man das große Fenster ganz öffnen und hatte das Gefühl im Garten zu sitzen." Leider sei das Fenster seit Jahren kaputt, aber man bemühe sich, mit Hilfe eines Denkmalschutzgutachtens, Gelder zu bekommen, um das Fenster wieder instand zu setzen. Dann könnte man den Wohnsaal und die daran angrenzende Terrasse für Veranstaltungen, bei denen es nicht nur um Brecht gehen müsse, nutzen. Für Margrit Brademann ist es wichtig, daß "das Haus nicht allein Museum ist, sondern als Begegnungsstätte für unterschiedliche Veranstaltungen dienen kann" ganz nach Brechts Motto, "Leute in das Haus einzuladen." Für konkrete Veränderungen bleibt der Historikerin während der Sommermonate keine Zeit, weil sie sich dann hauptsächlich um die Besucher kümmern müsse, aber im Winter hofft sie, einige ihrer Ideen für die Neugestaltung verwirklichen zu können.

Bisher sind die ehemalige Bibliothek und die Wohnhalle für die Besucher zugänglich, wobei beides nach den Plänen der Museumsleiterin umzugestalten sei. Eine Attraktion ist der Originalwagen von der Uraufführung des Stückes "Mutter Courage und ihre Kinder" vom 11. Januar 1949, der im ehemaligen Bootshaus zu sehen ist. Außerdem kann man das Kostüm Helene Weigels, die die Titelrolle spielte und zwei Modelle für das Bühnenbild der ersten "Mutter Courage" bewundern. Anhand einiger Fotos und Texte zu den Probearbeiten am "Berliner Ensemble" gewinnt man einen kleinen Einblick in den Theateralltag. Berühmt geworden ist Buckow nicht allein durch das Museum im ehemaligen Sommerhaus Bertolt Brechts und Helene Weigels. Brecht hat Buckow literarisch bekannt gemacht indem er einer Gedichtsammlung diesen Namen gab. Die "Buckower Elegien" hat der Lyriker im Sommer 1953, vor 40 Jahren, "als Reaktion auf die Ereignisse des 17. Juni desselben Jahres in Buckow, am Schermützelsee in der Märkischen Schweiz, im Haus unter den Bäumen" geschrieben. Bei einem Spaziergang durch den Garten kann man einige der "Buckower Elegien", in Bronze gegossen, lesen und die Idylle am See auf einer der aufgestellten Bänke genießen.


Bertolt Brecht

 

Bertolt Brecht wird am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studiert er Literatur und Philologie und danach Medizin in München. Am Ende des 1.Weltkrieges wird er Soldat und setzt sein Studium nach dem Krieg in München fort. 1922 bekommt Brecht den Kleistpreis für "Trommeln in der Nacht" und siedelt 1924 nach Berlin über, wo er bis 1926 Dramaturg bei Max Reinhardt am Deutschen Theater ist. 1928 heiratet Bertolt Brecht Helene Weigel. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flieht Brecht mit seiner Familie 1933 ins Exil. Einige Stationen dieser Odyssee sind die Schweiz, Frankreich, Dänemark, Finnland, Sowjetunion und die USA, wo er sich bis zu seiner Rückkehr 1947 nach Europa aufhält. Zusammen mit seiner Frau Helene Weigel gründet er 1949 das "Berliner Ensemble". Dort inszeniert Brecht von 1949 bis 1956 Stücke wie "Herr Puntila und sein Knecht Matti", "Mutter Courage und ihre Kinder" oder "Der Kaukasische Kreidekreis". 1951 erhält Bertolt Brecht den Nationalpreis der DDR und 1954 den Internationalen Lenin-Friedenspreis. Am 14. August 1956 stirbt der Dramatiker, Lyriker, Erzähler, Theoretiker und Regisseur in Berlin.

Bertolt Brecht

Helene Weigel - Frau und Weggefährtin Bertolt Brechts

 

Helene Weigel wird am 12. Mai 1900 in Wien geboren. Bevor sie einen Schulabschluß machen kann, nimmt sie Schauspielunterricht bei Arthur Holz. 1919 erhält sie ihr erstes Engagement in Frankfurt/ Main am "Neuen Theater", und ihre erste Rolle bekommt sie 1921 als Marie in Georg Büchners "Woyzeck". Sie geht 1922/23 nach Berlin, wo sie 1923 Bertolt Brecht kennenlernt. Leopold Jessner engagiert sie am Berliner Staatstheater. 1924 kommt ihr gemeinsamer Sohn Stefan zur Welt. Erst 1928/29 erhält sie ein neues Engagement am Berliner Staatstheater. 1929 Heirat mit Bertolt Brecht und die Geburt der Tochter Barbara 1930. Helene Weigel spielt 1932 die Pelagea Wlassowa in der Uraufführung "Die Mutter". Von 1933 bis 1947 lebt sie mit Brecht und ihren beiden Kindern in der Emigration. In dieser Zeit kann sie nicht als Schauspielerin arbeiten. l947 kehrt sie mit Tochter Barbara nach Europa zurück. 1949 spielt sie die Titelrolle in "Mutter Courage und ihre Kinder" und wird auf Vorschlag Brechts Intendantin des "Berliner Ensembles". 1960 wird Helene Weigel zur Professorin ernannt. Ihren letzten Auftritt hat sie erneut als Pelagea Wlassowa in dem Stück "Die Mutter", das anläßlich eines Gastspieles des "Berliner Ensembles" zum 100. Geburtstag der Pariser Commune aufgeführt wird. Am 6. Mai 1971 stirbt die Schauspielerin in Berlin.

Helene Weigel

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann
wären Haus, Bäume und See.


(Die Veröffentlichung der Gedichte erfolgt mit der freundlichen Genehmigung des Suhrkamp Verlages)

Der Blumengarten

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.